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Berlin

Notaufnahmelager Marienfelde

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Presseberich am 14. Juli 1961 in der Berliner Morgenpost

Endlich sagen dürfen was man wirklich denkt

Fast jeder hat einen anderen Anlaß zur Flucht
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* Wolfgang Seiler beschreibt nach seiner Flucht aus der DDR das Notaufnahmeverfahren im Notaufnahmelager Marienfelde ( 1979 ) unter [http://www.youtube.com www.youtube.com ]


    Mit einem Packen  weißer und blauer Zettel in der Hand stehen sie an den Schaltern, laufen sie über Flure, klopfen sie an Bürotüren. Sie gehen zu Schirmbildaufnahmen und zur ärztlichen Untersuchung, sie holen ihre Mahlzeiten. Und den Rest des Tages sitzen sie irgendwo auf einer Bank im Notaufnahmelager Berlin Marienfelde und warten: Männer, Frauen und Kinder aus der Sowjetzone, die in diesen Tagen zu Tausenden nach Berlin gekommen sind.

Vor dem Eingang an der Marienfelder Allee stehen sie in langen Schlangen. Im Warteraum gibt es keinen freien Stuhl. Hochbetrieb bei den Lagerärzten, dauerndes Telefongeklingel beim Lagerleiter. Das Notaufnahmelager ist eine kleine Stadt für sich. Es wird aber auch Ausgangspunkt für ein neues Leben, einen neuen Anfang.
Arbeiter, Angestellte, Akademiker, Studenten und Hausfrauen sind es, die  - oft nur mit einem Koffer oder einer Tasche – nach Berlin gekommen sind. Babys in Kinderwagen, die neugierig in die neue Umgebung sehen, Jungen, die sich auf den Straßen des Lagers  mit Gleichaltrigen um einen Fußball balgen, Ältere, die schon ein wenig nachdenklich die Sorgen der Eltern teilen.
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Fast jeder hat einen anderen Anlaß zur Flucht – doch der Grund ist überall der gleiche: „Mal sagen dürfen, was man denkt ohne daß gleich ein Spitzel in der Nähe ist“.
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Der angekündigte Friedensvertrag  Chruschtschews  mit der Sowjetzone hat vielen letzten Anstoß zur Flucht gegeben. „Man munkelt drüben, daß der Vertrag schon am 1. August unterzeichnet werden soll. Dann kommen wir nicht mehr ´ raus. „Deshalb haben wir schnell gemacht, dass wir wegkamen“
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„Ich sollte in die Armee“
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Da ist der 18jährige Zimmermann aus einem kleinen Ort bei Cottbus, Ich soll in die Armee. Da habe ich nicht mehr mitgemacht. Mit einem Freund bin ich einfach getürmt“.
Und die Eltern die noch drüben sind ? „Denen wird hoffentlich nichts passieren.
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„Ich will meine Kinder religiös erziehen“, sagt ein Arbeiter aus Güstrow, „Sie sollen an Gott glauben und keine Kommunisten werden. Das dürfen sie drüben nicht – deshalb mussten wir weg“.
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Hunger hatte der 19 Jahre alte Tischler aus dem Harz.
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„Wenn man in Urlaub fährt, muss man Margarine essen. Butter gibt´s nur in den Geschäften am Heimatort, in denen man eingetragen ist.“
<hr>Der junge Mann fuhr in den Ferien an die Ostsee. Er löste eine Rückfahrkarte über Berlin. Drei Tage ist er jetzt hier.

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Parteilos ohne Chancen<hr>

„Wenn man nicht in die Partei geht, kommt man drüben zu nichts“ sagt ein anderer junger Mann. „Deshalb konnte ich nicht studieren.“

Endlich frei zu sein – das genießen die vielen tausend Menschen aus der Zone in Marienfelde schon in den ersten Stunden. Gewiss, sie müssen bis zum Abflug warten und tausend Formalitäten erledigen. Doch sie haben Geduld. „Es wird schon werden“, sagen sie zuversichtlich. „Das Schlimmste haben wir jedenfalls überstanden.“ (Chris)

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